
Großübung in Hannover: "Kopfball 2006" (25.03.2006)
Am Samstag fand in der AWD-Arena in Hannover die wohl größte Übung in Niedersachsen seit dem Zweiten Weltkrieg statt. Insgesamt wurden über 500 "Verletzte" gerettet. Auch aus Göttingen nahmen Verletztendarsteller an der Übung teil. Als Aufwandsentschädigung gab es für sie eine Eintrittskarte zum Bundesliga-Spiel Hannover 96 gegen Arminia Bielefeld. Ebenfalls aus Göttingen vor Ort: Die Schnelle Einsatzgruppe (SEG) von Johanniter Unfallhilfe, Deutschem Roten Kreuz und Malteser Hilfsdienst mit sechs Notärzten vom ZARI (Zentrum Anaesthesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin des Klinikums Göttingen), die einen Behandlungsplatz aufbauten und Verletzte in Krankenhäuser transportierten.
"Kopfball 2006" ist die Übungsbezeichnung zum Test der "nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr" zur Fußball-WM am Spielort Hannover. Sie symbolisiert das Zusammenwirken von geistigem und handwerklichem Können aller Übungsteilnehmer. Bei der Übung handelte es sich um eine "Vollübung", d. h. es wurden alle für die WM vorgesehenen Einheiten der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr (Feuerwehren, Rettungsdienste, THW und Führungseinheiten aus ganz Niedersachsen) eingebunden. Insgesamt nahmen rund 2500 Personen an der Übung teil. Als Kliniken waren die MHH (Medizinische Hochschule Hannover) und das Friederikenstift eingebunden. Die Übung ging von der Situation an einem normalen WM-Spieltag aus. Die Einsatzkräfte befanden sich einsatzbereit an ihren zugewiesenen Standorten.
Um 11 Uhr begann mit einem lauten Knall die Großübung. Etwa 100 kontaminierte Verletzte liegen im Südblock, über 400 Verletzte in den Zuschauerblöcken West. So auch neun Feuerwehrleute von der Ortsfeuerwehr Göttingen Stadtmitte, die bereits vier Stunden zuvor realitätsnah geschminkt wurden. Nach einer ersten Sichtung durch den Rettungsdienst dauert es allerdings relativ lange, bis sie schließlich aus dem Stadion gerettet werden. "Ich musste eine Stunde darauf warten, dass ich mit einer Trage hier raus transportiert wurde", sagt Oliver Matuschek. Auch Christopher Kurre bestätigt dies: "Das hat zu lange gedauert." Matuschek, der eine simulierte Unterschenkelfraktur hatte, fand die Betreuung im Stadion schlecht: "Das hat gerüttelt und geschüttelt, die Helfer haben nicht auf meine Verletzungen geachtet." Um 12.50 Uhr erfolgt schließlich sein Transport in den Friederikenstift - mit einem Großraum-Krankentransportwagen.
Inzwischen sind die rund 60 Helfer der Schnellen Einsatzgruppe (SEG) aus Göttingen bereits dabei, Verletzte wie am Fließband zu versorgen. "An unserem Behandlungsplatz haben wir etwa 70 Verletzte betreut und weiter in die Erstversorgungskliniken transportiert", sagt Holger Gottschling, Leiter der SEG. Dr. Markus Roessler, Oberarzt am Göttinger ZARI und Ärztlicher Leiter des Behandlungsplatzes, lobte die gute Zusammenarbeit innerhalb der SEG. Der Behandlungsplatz 5 befindet sich an der Nordwestseite des Stadions und besteht aus einem Intensivzelt und zwei normalen Behandlungszelten.
Das nationale Sicherheitskonzept zur WM sieht vor, dass an allen Spielorten die personellen, materiellen und organisatorischen Voraussetzungen zur Versorgung von ca. 2 Prozent der maximalen Anzahl von Stadionbesuchern vorhanden sein müssen. Für Hannover sind daher rettungsdienstliche Vorbereitungen für etwa 1000 Verletzte zu treffen. An den Spieltagen der WM in Hannover (12., 16., 20., 23. und 27.6.) sind dann in erheblichem Umfang zusätzliche Einsatzmittel vor Ort. Dies sind insbesondere die 13 Behandlungsplätze mit einer Versorgungskapazität von je 100 Verletzten bzw. Erkrankten. Einen dieser Behandlungsplätze betreut die Göttinger SEG. Weiterhin sind vier Dekontaminationsplätze (zur Entfernung von Gefahrstoffen) vorgesehen.
Das Ziel der Übung war unter anderem, die Leistungsfähigkeit von Behandlungsplätzen und Erstversorgungskliniken zu überprüfen - aber auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Strukturen der Führungsorganisationen standen auf dem Prüfstand. Erstes Fazit nach der Übung: Das Konzept hat funktioniert! Insbesondere das Ziel, alle Patienten innerhalb von 120 Minuten zur retten und zu versorgen, wurde bereits nach 100 Minuten erreicht. Ebenso lief die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Organisationen aus verschiedenen Standorten reibungslos und die Behandlungsplätze erfüllten die an sie gestellten Anforderungen, so die Feuerwehr Hannover. Die Transportorganisation - mehr als 300 Fahrzeuge waren bei dieser Übung eingesetzt - sei ebenfalls ohne größere Probleme gelaufen.
Die AWD-Arena in Hannover vor der Großübung
Realistisch geschminkt: Christopher Kurre von der Feuerwehr Göttingen Stadtmitte. "Seine" Hand hält Mike Oppong.
Übungsbeobachter aus Göttingen
Die Verletztendarsteller sind auf die Ränge verteilt: Die Göttinger winken
Übungsbeginn: Explosion im Südtrakt
Schwer verletzt: Stephan Schmitz
Die Stärke der Verletzungen von Oliver Matuschek wird klassifiziert.
Sven Bossmann: Offene Unterschenkelfraktur
Sven Bossmann (vorne) neben Oliver Matuschek und Marc Jaskolka
Die Dekontaminierten wurden von Helfen in Schutzanzügen gerettet.
Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg im Gespräch mit Verletztendarstellern
Am Behandlungsplatz 5: RTWs aus Göttingen
von links: Dr. Markus Roessler (vom ZARI, Ärztlicher Leiter Behandlungsplatz 5 an der AWD-Arena), Jörg Stöber (BF Göttingen), Claus Pioch (SEG Göttingen), Jens Windwehe (BF Göttingen), Holger Gottschling (Leiter SEG Göttingen) am Behandlungsplatz 5
Im Intensivzelt des Behandlungsplatzes 5: Notärztin Stephanie Cassens und Björn Klinkermann (JUH) versorgen einen Patienten aus Stadthagen (Landkreis Schaumburg)
Eines der Erstversorgungskrankenhäuser: Friederikenstift in Hannover
Viel los in der Notaufnahme
Verletztendarsteller Oliver Matuschek aus Göttingen wird im Friederikenstift von Schwester Christiane und Intensivpfleger Michael Zahn behandelt
Jeder Darsteller erhielt im Stadion eine Patienten-Anhängekarte, auf der u. a. Name und Verletzungen eingetragen wurden.