
Neues Selbsthilfe-Set für den Katastrophenschutz (22.08.2007)
Göttinger Universitätsmedizin erhielt Auftrag vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Über 50.000 Sets kommen künftig bundesweit zum Einsatz.
Ein neues modernes Selbsthilfe-Set für Einsatzkräfte des Katastrophenschutzes (Hilfsorganisationen, Feuerwehren) wird derzeit in der Abteilung Arbeits- und Sozialmedizin der Universitätsmedizin Göttingen (Direktor: Prof. Dr. Ernst Hallier), Georg-August-Universität, entwickelt. Das neue Spezial-Set soll besser gegen chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren (CBRN) schützen. Der Auftrag dazu kommt vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Das BBK förderte das Projekt mit 138.000 Euro. Jetzt steht das neue Selbsthilfe-Set kurz vor der Erprobungsphase in der Praxis. Es ersetzt einen alten Selbsthilfe-Satz, der noch aus der Zeit des „Kalten Krieges" stammt, also über 30 Jahre alt ist und nie aktualisiert wurde.
„Das Selbsthilfe-Set ist Teil der persönlichen Schutzausrüstung von Einsatzkräften. Es dient als letzte Absicherung für den Fall, dass die Schutzkleidung versagt oder der Helfer unvorbereitet mit Gefahrstoffen in Berührung kommt", sagt Projektleiter Priv. Doz. Dr. Michael Müller. „Diese Stoffe können den Menschen und seine Umwelt auf drastische Art und Weise schädigen", ergänzt Katharina Schmiechen, wissenschaftliche Mitarbeiterin aus der Abteilung Arbeits- und Sozialmedizin der Universitätsmedizin Göttingen. Sie entwickelt das neue Set.
Unfälle mit diesen Substanzen während ihrer Herstellung und Lagerung, beim Transport oder während der Entsorgung haben verheerende Auswirkungen auf die unmittelbare Umgebung. Das Set soll den Einsatzkräften helfen, im Falle einer möglichen Verseuchung kleinere Wunden selbst abzudecken, ein erstes Entfernen von gefährlichen Verunreinigungen und gegebenenfalls eine Antidotgabe (Gegengift) durchzuführen.
„Erster Schritt unserer Arbeiten war eine Risikoanalyse", sagt Müller. Die Göttinger Arbeitsmediziner berücksichtigten dabei Pandemien, Infektionsgeschehen wie Vogelgrippe oder Maul- und Klauenseuche sowie atomare und chemische Gefahren. Alleine über die Autobahnen rollen täglich Tausende Tonnen Gefahrgut.
Eingegangen in das neue Set sind auch Wünsche der künftigen Benutzer. Die Einsatzkräfte wollen ein langlebiges und praktikables Produkt, das leicht erklärbar, nicht zu schwer, aber trotzdem klein ist. Bei der Produktauswahl wurden auf dem Markt erhältliche Einzelkomponenten intensiv beurteilt. Bei allen ausgewählten Produkten handelt es sich um zertifizierte Produkte mit hohen Qualitätsstandards. Der Inhalt des neuen Selbsthilfe-Sets besteht u. a. aus Produkten für die Desinfektion, Reinigung, Dekontamination, Spülung und Wundabdeckung.
Das neue Selbsthilfe-Set wird Anfang Oktober bei einer Großübung in Nordrhein-Westfalen durch mehrere ABC-Schutz-Einheiten getestet und validiert. Etwa 60 Einsatzkräfte werden dafür mit dem neuen Set ausgerüstet. „Nur Komponenten, die sich in dieser Feldstudie bewähren, werden zur Beschaffung empfohlen", sagt Schmiechen. Ende des Jahres erscheint der Abschlussbericht mit einer wissenschaftlichen Einschätzung. Da es auf internationaler Ebene bisher kein vergleichbares Set gibt, sollen die Ergebnisse auch international veröffentlicht werden.
Der Bund beabsichtigt, über 50.000 Selbsthilfe-Sets zur Auslieferung an die Länder anzuschaffen. Diese übernehmen die Verteilung an die Katastrophenschutzeinheiten, in denen vorwiegend Ehrenamtliche tätig sind. Darüber hinaus sind die Sets auch für die Verwendung in anderen Bereichen, wie bei der Polizei und im Rettungsdienst geeignet.
Geplanter Inhalt des neuen Selbsthilfe-Sets
Entwickeln das neue Selbsthilfe-Set gegen chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren für den Katastrophenschutz: Priv. Doz. Dr. Michael Müller und Katharina Schmiechen.
Die Inhalte des neuen Selbsthilfe-Sets gegen chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren für den Katastrophenschutz mit Atemschutzmaske und Filter
Über 30 Jahre alt: Ein alter Selbsthilfe-Satz aus der Zeit des Kalten Krieges
Fotos: Stefan Rampfel