kfv-goe.de
Region: Landkreis Göttingen Themen: Feuerwehr · Brandschutz · Verkehr

Tunnelbrand im Landkreis Göttingen: Übung, Rettung und reale Einsätze

Stand: 12. Juli 2026 Redaktion kfv-goe.de
Tunnelportal einer Bahnstrecke bei einer Übung der Feuerwehr

Ein entgleister Güterzug, 650 Meter tief in einer finsteren Röhre, dazu ein Schwelbrand in 21 Tonnen Papier: Der Tunnelbrand im Leinebuschtunnel bei Göttingen vom 2. März 1999 gehört zu den ungewöhnlichsten Einsätzen, die Feuerwehren in Südniedersachsen je zu bewältigen hatten. In jener Nacht arbeiteten 235 Feuerwehrleute Hand in Hand mit dem Tunnelrettungszug der Bahn aus Kassel. Nur dieser Spezialzug konnte Wasser, Schaummittel und Einsatzkräfte dorthin bringen, wo kein Löschfahrzeug hinkommt.

Dass der Einsatz glimpflich ausging, war kein Zufall. Knapp ein halbes Jahr zuvor hatten rund 270 Einsatzkräfte in genau diesem Tunnel den Ernstfall geprobt. Die Schnellfahrstrecke der Bahn passiert im Landkreis Göttingen sieben Tunnel, entsprechend ernst nehmen die Wehren die Vorbereitung. Diese Seite zeichnet Probe und Ernstfall im Leinebuschtunnel nach, blickt auf die Übung im Heidkopftunnel an der A38 und erklärt, was hinter einem Sirenenalarm steckt.

Warum ein Tunnelbrand so gefährlich ist

Im Freien steigt Brandrauch auf und verzieht sich. In einer Bahnröhre staut er sich, drückt in beide Richtungen und nimmt den Einsatzkräften innerhalb von Minuten jede Sicht. Ein Tunnelbrand zwingt die Trupps zu langen Anmarschwegen unter Pressluftatmern, deren Luftvorrat bei schwerer Arbeit nach etwa 25 Minuten verbraucht ist. Hinzu kommt die Hitze, die zwischen Betonwänden nicht entweichen kann.

Auch die Logistik arbeitet gegen die Feuerwehr. Im Tunnel gibt es keine Hydranten, jeder Liter Löschwasser muss über Schläuche oder auf der Schiene herangeführt werden. Vor dem ersten Rohr muss zudem die Oberleitung geerdet sein. Jede Rettung von Verletzten bedeutet Trage-Strecken von Hunderten Metern durch Dunkelheit und Rauch. Kurz: Ohne vorbereitete Pläne, geübte Kräfte und Spezialtechnik ist eine solche Lage kaum zu beherrschen.

Die große Tunnelübung 1998 im Leinebuschtunnel

Am 12. September 1998 fand im 1.740 Meter langen Leinebuschtunnel zwischen Mengershausen und Jühnde eine der größten Übungen statt, die es je im Landkreis Göttingen gegeben hat. Geplant war sie bereits seit Februar 1998, also Monate bevor das ICE-Unglück von Eschede im Juni 1998 die Gefahren des Schnellfahrverkehrs ins Bewusstsein rückte.

Die angenommene Lage: Ein Personenzug entgleist nach einer Explosion im Tunnel, 30 Verletzte müssen gerettet werden. Rund 270 Teilnehmer waren eingebunden, neben den Feuerwehren auch Rettungsdienste, das Technische Hilfswerk und der Bundesgrenzschutz. Geübt wurde, was im Chaos eines echten Einsatzes über Erfolg und Misserfolg entscheidet: die anfahrenden Einheiten über festgelegte Anfahrtswege zu den Bereitstellungsplätzen zu lotsen und vor Ort eine Technische Einsatzleitung aufzubauen. Die Übung sollte sich schneller auszahlen, als es allen lieb sein konnte.

Ernstfall im März 1999: Güterzugbrand im Tunnel

Um 01.20 Uhr am 2. März 1999 ging in der gemeinsamen Feuerwehr-Einsatzleitstelle von Stadt und Landkreis Göttingen ein Notruf der Leitwarte der Deutschen Bahn ein: Auf der Schnellfahrstrecke brenne bei Bahnkilometer 109,4 zwischen Mengershausen und Jühnde ein Güterzug. Von einem Tunnel sagte die Bahn zunächst nichts. Alarmiert wurden die Freiwilligen Feuerwehren Rosdorf, Jühnde, Mengershausen und Lemshausen.

Erst bei der Erkundung vor Ort zeigte sich: Der gemeldete Bahnkilometer lag genau im Leinebuschtunnel. Nahe dem Nordportal fand die Feuerwehr Rosdorf zerstörte Schwellen, am Südportal war leichte Rauchentwicklung zu erkennen. Zwei Trupps gingen unter Atemschutz in die Röhre und stießen nach 650 Metern auf einen abgekoppelten Güterzug. Der erste Waggon stand entgleist neben den Schienen, in seinem Inneren schwelte es.

Der Hergang ließ sich später rekonstruieren. Kurz hinter Göttingen war der 14. von 24 Waggons des Güterzuges 50051 von Hamburg-Maschen nach Nürnberg wegen eines defekten Radlagers aus den Schienen gesprungen und rund sechs Kilometer mitgeschleift worden. Der Lokführer stoppte, als der Zug langsamer wurde, entdeckte den Funken sprühenden Waggon hinter sich, koppelte die vorderen 13 Wagen ab und fuhr weiter nach Kassel. Der havarierte Zugteil blieb im Tunnel zurück.

Gegen 03.00 Uhr stand fest, was brannte: 21 Tonnen Papier und Zellulose. Auf neun weiteren Waggons lagerten neben Papier auch Gurtstraffer und pyrotechnische Gegenstände. Um an die schwelenden Ballen zu gelangen, schnitten die Kräfte große Löcher in die Waggonwand, zogen das Papier heraus und löschten es auf dem Gleiskörper ab. Möglich war das nur unter schwerem Atemschutz. Nach und nach wurden die Stützpunktfeuerwehren Obernjesa, Friedland, Dransfeld und Groß Schneen nachalarmiert, vor allem um Atemschutzgeräteträger heranzuführen, später auch die Schwerpunktfeuerwehr Hann. Münden, die Feuerwehr Oberode und eine Werkfeuerwehr aus Hann. Münden.

Wasserförderung über 3,6 Kilometer

Die 20.000 Liter Wasser aus dem Rettungszug waren nach rund 45 Minuten Löscharbeit verbraucht. Parallel verlegten die Wehren deshalb eine 3,6 Kilometer lange B-Schlauchleitung von der Ortschaft Jühnde bis zur Einsatzstelle. Zwei Schlauchwagen SW 2000 aus Hemeln und Rosdorf brachten das Material, die Feuerwehren Adelebsen und Groß Schneen bauten ihre LF 16-TS mit leistungsstarken Pumpen in die Strecke ein.

Kräfte, Mittel und Ablösung

An der Einsatzstelle entstand mit dem ELW 2 des Landkreises eine Technische Einsatzleitung unter dem Kreisbrandmeister als Einsatzleiter. Die feuerwehrtechnischen Zentralen Potzwenden und Hann. Münden fuhren Atemschutzmasken und Pressluftflaschen nach. Gegen 12.00 Uhr war das Feuer unter Kontrolle, die Nachlöscharbeiten zogen sich bis in den Nachmittag. Um 16.00 Uhr rief der Sirenenalarm Göttinger Umlandwehren zur Ablösung an die Strecke: die Ortswehren Dahlenrode, Niedernjesa, Meensen, Barlissen, Mollenfelde und Deiderode. Ein Feuerwehrmann zog sich eine Fußverletzung zu und wurde gegen 11 Uhr in eine Göttinger Klinik gebracht, weitere Verletzte gab es nicht.

Die Bilanz: 182 Angehörige der Freiwilligen Feuerwehren des Landkreises, sieben Kräfte der Berufsfeuerwehr Göttingen und 46 der Berufsfeuerwehr Kassel, dazu neun Helfer der Sanitätsdienste sowie Polizei und Bundesgrenzschutz mit Hubschrauber. Insgesamt erforderte der Tunnelbrand rund 80 Kubikmeter Wasser, 2.000 Liter Schaummittel und etwa 180 Pressluftatmer. Der Güterzugbrand zählt damit bis heute zu den markantesten Lagen in der Einsatzübersicht des Landkreises. Dass Bahnanlagen fordernde Einsatzorte bleiben, zeigte Jahre später auch der Brand eines Autoreisezugs im Hauptbahnhof Göttingen 2007.

Rettung aus dem Tunnel: der Tunnelrettungszug

Ohne Schienenfahrzeuge läuft bei einem Brand tief in der Röhre wenig. Der Tunnelrettungszug der Bahn aus Kassel besteht aus fünf Wagen und führt 20.000 Liter Wasser sowie 2.000 Liter Schaummittel mit. Im Alarmfall besetzen ihn Kräfte der Berufsfeuerwehr Kassel. Beim Einsatz 1999 war der Zug 24 Minuten nach der Anforderung besetzt, abfahren konnte er aber erst nach 43 Minuten, weil der Lokführer noch fehlte. Nach gut einer Stunde meldete er die Ankunft vor dem Tunnelportal.

Ein zweiter Rettungszug aus Hildesheim musste seine Anfahrt abbrechen, weil er auf dem zerstörten Gleis nicht weiterkam. Der Kasseler Zug pendelte dafür immer wieder in die Röhre und brachte Trupps der Berufsfeuerwehr und der Freiwilligen Feuerwehren direkt an den brennenden Waggon. Eine Pointe am Rande: Auf dem Zug arbeiteten exakt dieselben Kräfte der Berufsfeuerwehr Kassel, die schon bei der Übung im September 1998 dabei gewesen waren. Rettung und Brandbekämpfung folgten damit eingespielten Abläufen.

Übung im Heidkopftunnel an der A38

Tunnelgefahren gibt es im Landkreis nicht nur auf der Schiene. Am 13. November 2004 probten zehn Feuerwehren der Gemeinde Friedland den Ernstfall im damals noch im Bau befindlichen Heidkopftunnel der Autobahn 38 bei Reiffenhausen. Zwei Nebelmaschinen füllten die Nordröhre fast vollständig mit Qualm, die Sichtweite lag bei wenigen Metern. Angenommen wurde ein Brand 1.300 Meter tief in der Röhre: Drei Bauarbeiter hatten sich in den Rettungscontainer geflüchtet, ein weiterer galt als unter einer Maschine eingeklemmt.

Der Gemeindebrandmeister erläuterte damals, das Vorgehen bei Bränden im Tunnel unterscheide sich grundlegend von normalen Einsätzen. Statt üblicher Pressluftatmer kamen Regenerationsgeräte zum Einsatz, mit denen ein Feuerwehrmann bis zu vier Stunden im giftigen Rauch arbeiten kann. Die Trupps rüsteten sich am Container vor dem Portal aus und fuhren durch die nicht verrauchte Röhre in den Berg. Die Rettung des eingeklemmten Bauarbeiters gelang. Für die Übung ruhten eigens die Bauarbeiten, Ende 2006 sollte die A38 durchgängig bis Halle befahrbar sein. Ein ausführlicher Bericht zur Tunnelübung im Heidkopftunnel dokumentiert den Tag mit Fotos.

Sirenenalarm in Göttingen: Warnsignale und ihre Bedeutung

Weckt ein Sirenenalarm Göttinger Bürger mitten in der Nacht, steckt dahinter meist die Alarmierung der Feuerwehr: dreimal zwölf Sekunden Dauerton mit kurzen Pausen. So wurden auch beim Güterzugbrand 1999 ganze Ortswehren gerufen. Davon zu unterscheiden ist die Warnung der Bevölkerung, ein auf- und abschwellender Heulton von einer Minute. Ein durchgehender Dauerton von einer Minute bedeutet Entwarnung.

Ertönt der einminütige Heulton, gilt: Fenster und Türen schließen, Radio oder Warn-App einschalten und Nachbarn informieren. Wer selbst ein Feuer oder einen Unfall entdeckt, wartet nicht auf die Sirene, sondern wählt sofort die 112.

Sirenen bleiben trotz Warn-Apps unverzichtbar, weil sie auch nachts und flächendeckend wecken. Was beim Absetzen eines Notrufs wirklich zählt, erklärt die Seite zum Notruf 112 Schritt für Schritt.


Häufige Fragen zum Tunnelbrand

Was geschah beim Tunnelbrand im Leinebuschtunnel 1999?

Am 2. März 1999 geriet im Leinebuschtunnel ein entgleister Waggon des Güterzuges 50051 in Brand. 235 Feuerwehrleute löschten gemeinsam mit dem Tunnelrettungszug der Bahn den Schwelbrand in 21 Tonnen Papier. Gegen 12 Uhr war das Feuer unter Kontrolle.

Was ist ein Tunnelrettungszug?

Ein Spezialzug der Bahn für Einsätze auf Schnellfahrstrecken. Der Zug aus Kassel besteht aus fünf Wagen und führt 20.000 Liter Wasser sowie 2.000 Liter Schaummittel mit. Im Alarmfall wird er von der Berufsfeuerwehr Kassel besetzt.

Warum ist ein Tunnelbrand so schwer zu löschen?

Rauch und Hitze stauen sich in der Röhre, die Sicht sinkt auf wenige Meter, und der Luftvorrat eines Pressluftatmers reicht nur etwa 25 Minuten. Löschwasser muss über lange Strecken herangeführt werden, Hydranten gibt es im Tunnel nicht.

Wie viele Einsatzkräfte waren beim Güterzugbrand 1999 im Einsatz?

182 Angehörige der Freiwilligen Feuerwehren des Landkreises, sieben Kräfte der Berufsfeuerwehr Göttingen und 46 der Berufsfeuerwehr Kassel, dazu neun Helfer der Sanitätsdienste sowie Polizei und Bundesgrenzschutz mit Hubschrauber.

Was wurde bei der Tunnelübung 1998 geprobt?

Die Übung am 12. September 1998 ging von einer Zugentgleisung nach einer Explosion aus, 30 Verletzte mussten gerettet werden. Rund 270 Teilnehmer von Feuerwehr, Rettungsdiensten, Technischem Hilfswerk und Bundesgrenzschutz waren beteiligt.

Wie viele Tunnel liegen an der Schnellfahrstrecke im Landkreis Göttingen?

Die Schnellfahrstrecke der Bahn passiert im Landkreis Göttingen sieben Tunnel. Der längste davon misst über zehn Kilometer, der Leinebuschtunnel bringt es auf 1.740 Meter.

Was bedeutet Sirenenalarm in Göttingen?

Dreimal zwölf Sekunden Dauerton alarmieren die Feuerwehr. Ein auf- und abschwellender Heulton von einer Minute warnt die Bevölkerung, ein durchgehender einminütiger Dauerton gibt Entwarnung.

Wie bekämpfen Einsatzkräfte einen Tunnelbrand?

Nur unter schwerem Atemschutz und mit Wasserförderung über lange Strecken. 1999 schnitten die Kräfte Löcher in die Waggonwand, zogen die schwelenden Papierballen heraus und löschten sie auf dem Gleiskörper ab.

Was passierte bei der Übung im Heidkopftunnel 2004?

Zehn Feuerwehren der Gemeinde Friedland probten am 13. November 2004 die Rettung von Bauarbeitern aus der verqualmten Nordröhre. Drei Arbeiter flüchteten in den Rettungscontainer, ein eingeklemmter Mann wurde von Trupps mit Regenerationsgeräten befreit.